Poecilia poecilioides
Ein Blick zurück ins Jahr 1910
In seinem zweiseitigen Beitrag schildert W. Ehnle seine Erfahrungen mit einem lebendgebärenden Zahnkarpfen, den er unter dem Namen Poecilia poecilioides erhalten hatte.
Sein Bericht ist heute nicht nur wegen des Fisches interessant. Er gibt auch einen unmittelbaren Einblick in die Aquaristik zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in eine Zeit, in der neue Arten und Formen nach Europa gelangten und selbst ihre wissenschaftliche Zuordnung teilweise noch ungeklärt war.
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Ein Fisch, den Ehnle gar nicht bestellt hatte
Eigentlich hatte Ehnle im Herbst 1909 unter anderem Girardinus guppyi bestellt. Stattdessen wurde ihm ein Pärchen Poecilia poecilioides als Neuheit angeboten.
Begeistert war er zunächst nicht. Einen völlig unbekannten Fisch zugesandt zu bekommen, betrachtete er eher mit Skepsis.
Das änderte sich, als er das kleine Männchen genauer betrachtete.
Ehnle war von dessen Farbenpracht beeindruckt. Er beschreibt gelbe, rote, schwarze und grüne Zeichnungselemente auf einem violett wirkenden Untergrund und findet dafür ein ausgesprochen anschauliches Bild: Das Tier sehe aus, als habe ein Maler seine verschiedenen Farbpinsel daran abgestrichen.
Aus anfänglicher Skepsis wurde schnell Begeisterung.
Genau beobachtet
Ehnle setzte das Pärchen in ein kleines Aquarium und begann, die Tiere aufmerksam zu beobachten.
Das Männchen beschreibt er als deutlich kleiner und farbenprächtiger als das Weibchen. Er beobachtete das Werbeverhalten mehrerer Männchen, die einem Weibchen folgten, und schildert diese Situation mit sichtbarem Humor. Einen der Bewerber bezeichnet er sogar als „Liebesritter“ – verbunden mit dem scherzhaften Gedanken: „Nächster Mann vor!“
Auch die Fortpflanzung interessierte ihn. Er berichtet von Würfen mit drei bis fünfzig Jungfischen, von sehr beweglichen Neugeborenen und einer schnellen Entwicklung der Jungtiere.
Bemerkenswert ist außerdem seine Angabe zur Temperatur. Ältere und junge Tiere hielt er bei etwa 18 °C und bezeichnete sie dabei als „kreuzfidel“. Daraus schloss er, die Tiere seien nur wenig wärmebedürftig.
Am Ende seines Berichts war aus dem zunächst ungewollten Ersatzfisch eine, wie Ehnle schreibt, „Zierde meiner Becken“ geworden.
Welchen Fisch hatte Ehnle eigentlich?
Ehnles Beschreibung seiner lebenden Tiere wie auch die beigefügte Zeichnung sprechen sehr deutlich für Poecilia reticulata: kleine, ausgesprochen farbenprächtige Männchen, deutlich größere Weibchen und ein ausgeprägtes Werbeverhalten.
Auch die weitere Entwicklung der damaligen Namensdiskussion führte dazu, dass die von Ehnle beschriebenen Tiere dem Guppy Poecilia reticulata zugeordnet wurden. Die Geschichte des Namens Poecilia poecilioides selbst ist allerdings komplizierter und wird in der wissenschaftlichen Literatur bis heute nicht völlig einheitlich behandelt.
Gerade das macht seinen Bericht besonders interessant. Er entstand in einer Zeit, in der Aquarianer, Händler und Wissenschaftler noch versuchten, Ordnung in die neu eingeführten Formen und ihre Namen zu bringen.
Damals beobachtet – heute erklärt
Mehr als 115 Jahre später lassen sich erstaunlich viele Beobachtungen Ehnles nachvollziehen.
Dass männliche Guppys auffällig gefärbt sind und ihre Zeichnung bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle spielt, ist heute gut untersucht. Auch große Unterschiede bei der Zahl der Jungfische und eine schnelle Entwicklung gehören zu ihrer Fortpflanzungsbiologie.
Bei anderen Aussagen würden wir heute genauer unterscheiden.
So können Guppys beispielsweise relativ niedrige Temperaturen durchaus vertragen. Dass Ehnles Tiere bei 18 °C munter waren, ist deshalb keineswegs unglaubwürdig. Aus heutiger Sicht würden wir daraus jedoch nicht automatisch schließen, dass diese Temperatur für eine dauerhafte Haltung und Fortpflanzung optimal ist.
Genau darin liegt der Reiz des Vergleichs: Ehnle beobachtete vieles sehr genau – die moderne Wissenschaft kann heute erklären und einordnen, was er vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Aquarium sah.
Was bleibt?
W. Ehnle verfügte 1910 nicht über genetische Untersuchungen, moderne Labortechnik oder die wissenschaftlichen Datenbanken von heute.
Was ihm zur Verfügung stand, waren seine Tiere, sein Aquarium und seine Aufmerksamkeit.
Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis beim Lesen seines alten Beitrags:
Gute Beobachtung altert erstaunlich langsam.
Ehnle schaute genau hin, verglich seine Tiere miteinander und teilte seine Erfahrungen mit anderen Aquarianern.
Damit tat er im Grunde etwas, das auch heute noch einen wichtigen Teil guter Aquaristik ausmacht.
Originalquelle: W. Ehnle: „Poecilia poecilioides“, Wochenschrift für Aquarien- und Terrarienkunde, VII. Jahrgang, Nr. 25, 21. Juni 1910, S. 345–346.
